Absichtlicher Zufall. Zu Félix Vallottons Porträt von Stéphane Mallarmé

Abb.1: Félix Vallotton, Porträt von Stéphane Mallarmé, 1895, Klischeedruck nach einer Tuschzeichnung, Graphische Sammlung ETH Zürich, Inv. Nr. D 56263

Félix Vallottons Porträt von Stéphane Mallarmé aus dem Jahr 1895 ist ein feinsinniger Kommentar eines bildenden Künstlers über die Arbeitsweise eines von ihm geschätzten Dichters. Das Gesicht Mallarmés erscheint in einem tiefschwarzen Tintenklecks auf weissem Papier. Über diesen Klecks beugt sich der Symbolist, wohl gerade am Tisch sitzend, neugierig wie über einen Spiegel. Er lässt sich von der zufällig entstandenen Form inspirieren.

Porträt des poetischen Verfahrens
Doch wie zeigt sich darin ein Verweis auf Mallarmés poetisches Verfahren?
Die Einbeziehung des Zufalls als kreatives Werkzeug künstlerischen Arbeitens ist ein Topos, der bereits bei Leonardo da Vinci (1452-1519) vorkommt. Er empfahl, zufällige Flecken auf Wänden als Stimulanz für die Fantasie zu nutzen. Auch Albrecht Dürer (1471-1528) verweist auf die Bedeutung zufälliger Formen, wenn er in seiner Melencolia I dem streng geometrischen Polyeder eine fleckige Oberfläche verleiht (Abb. 2).
Doch es ist das 19. Jahrhundert, das den Zufall als produktives Prinzip neu entdeckt und zu einem regelrechten Marker der Moderne erhebt. Ein wichtiger früher Protagonist ist der britische Landschaftsmaler Alexander Cozens (1717–1786). Er erfand eine Methode, bei der Tinten- oder Farbkleckse („blots“) auf Papier gesetzt und anschliessend so weiterentwickelt wurden, dass sie Landschaften oder Kompositionen ergaben. Zufall wird hier zum Ausgangspunkt kreativer Gestaltung.
Mallarmés Gedichte verkörpern diesen Zeitgeist, indem sie den Zufall als poetisches Prinzip integrieren, das die Auflösung traditioneller Sinn- und Formzusammenhänge ermöglicht. In seinem berühmten Gedicht Un coup de dés jamais n’abolira le hasard thematisiert er den Zufall nicht nur inhaltlich, sondern auch formal, etwa durch die typografische Zerstreuung des Textes über die Seite, wodurch Sprache und Bedeutung als offen und mehrdeutig erfahrbar werden.

Abb.2: Albrecht Dürer, Melencolia I, 1514, Kupferstich, Graphische Sammlung ETH Zürich, Inv. Nr. D 1258, Detail

Der Tintenklecks als Inspirationsquelle
Die zufällige Form des Tintenkleckses wird so zu einem visuellen Kommentar auf Mallarmés zufallsorientierte Ästhetik. Doch Vallotton begnügt sich nicht damit, lediglich auf Mallarmé zu verweisen – er schreibt sich selbst in die Geschichte des künstlerischen Zufalls ein. Während Leonardo noch tatsächlich zufällige Flecken nutzte und Cozens gezielt, aber dem Unkontrollierbaren verpflichtete „blot drawings“ schuf, geht Vallotton noch einen Schritt weiter: Sein „Zufall“ ist vollständig konstruiert – ein artifizieller Tintenklecks, der das Zufällige nur imitiert. Gerade hierin liegt seine Raffinesse: Die scheinbar spontane Form wird zum bewusst gesetzten Zeichen für die moderne Idee, dass selbst das Unvorhersehbare ein Konstrukt sein kann.


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