Auf ewig verschlungen. Zu Picassos Druckgraphik «Raphaël et la Fornarina XXIII: Seuls, s’étreignant sur le sol »

Pablo Picasso, Raphaël et la Fornarina XXIII: Seuls, s’étreignant sur le sol, 8.9.1968, Radierung, 28,2 x 35,3 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich, Inv. 1093.456, Depositum Gottfried Keller-Stiftung, Schenkung Bloch 1972, © Succession Picasso / 2025, ProLitteris, Zurich

Seine Arbeitsweise kann man mit Fug und Recht als eruptiv bezeichnen. Picasso war künstlerisch sehr produktiv und schuf noch als 87-Jähriger in weniger als sieben Monaten eine 347-teilige (!) Graphikserie. Sie ist als Suite 347 bekannt geworden. Ein Blatt daraus ist die erotische Radierung «Raphaël et la Fornarina XXIII: Seuls, s’étreignant sur le sol».

«Raphaël et la Fornarina» zeigt ein ineinander verschlungenes Paar beim Liebesakt. Nur mit wenigen radierten Strichen konturiert, sind Mann und Frau auf eine Weise miteinander verwoben, dass ihre Körper nicht mehr zu trennen sind: der eine vervollständigt den anderen und umgekehrt.
Picasso greift hier eine Anekdote über Raffael (1483-1520) und seine angebliche Geliebte auf. Der Renaissancemaler hatte die Bäckerstochter (Fornarina bedeutet kleine Bäckerin) aus Siena mehrfach gemalt. Dies führte zur Mutmassung, dass Raffael eine sexuell ausschweifende Liaison mit ihr hatte, ja lange Zeit wurde sogar behauptet, dass er im Liebesakt mit ihr gestorben sei. Inzwischen ist diese Interpretation überholt. Man nimmt an, dass Raffael tatsächlich eine Beziehung zu seinem Modell hatte, sein Tod jedoch durch hohes Fieber verursacht wurde. Picasso wandte sich in seiner Spätphase besonders oft sexuell aufgeladenen Motiven zu. So erstaunt es nicht, dass ihn diese Geschichte faszinierte – ungeachtet dessen, ob sie wahr oder eine Legende war. In der Suite 347 stellte er das Paar in verschiedenen Varianten dar. Doch nicht nur: Ebenso thematisierte der Spanier den Prozess des Alterns, den Voyeurismus, das Theater oder die Mythologie.

Perfekt abgestimmte Zusammenarbeit

Die rasche Realisierung der beeindruckend grossen Serie war nur durch die enge Zusammenarbeit zwischen Picasso und seinen Druckern möglich. Die Brüder Piero und Aldo Crommelynck, mit denen er schon länger kooperierte, eröffneten 1963 extra wegen ihm in Südfrankreich ein Atelier. Die geografische Nähe ermöglichte die rasche Realisierung der Werke: Fast täglich erhielt der Künstler vorbereitete Platten, die er im Laufe des Tages bearbeitete. Abends holten die Crommelyncks sie ab, um die Drucke anzufertigen. So schuf Picasso in weniger als sieben Monate 347 Werke, manchmal mehrere am selben Tag.

Furcht vor Zensur

Die Serie zeigt oft Anklänge an Künstler früherer Jahrhunderte, mit denen sich Picasso beschäftigte, wie etwa an Rembrandt (1606-1669) oder Diego Velázquez (1599-1660). Der Spanier besass eine Sammlung japanischer Holzschnitte des Genres Shunga, die besonders explizite Liebesakte und zuweilen humorvoll übertriebene Geschlechtsteile zeigen. Auch von diesen Darstellungen liess sich Picasso inspirieren, und manches Blatt aus der Suite 347 ist ähnlich sexuell aufgeladen. Das galt beim Erscheinen der Blätter als anstössig. Als die Serie Ende der Sechziger Jahre zum ersten Mal in der Galerie Louise Leiris in Paris ausgestellt wurde, waren daher gewisse Werke nur in einem separaten abgeschlossenen Raum zu besichtigen. Man befürchtete eine Zensur durch die Polizei und wollte kein Risiko eingehen. Inzwischen hat sich die Haltung geändert und auch diese Blätter werden geschätzt und ausgestellt.

Dieses Werk ist noch bis 9.11.2025 in der aktuellen Ausstellung «Picasso | Bloch. Eine einzigartige Freundschaft» in der Graphischen Sammlung ETH Zürich ausgestellt.

 


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