Die Geschichte der Stadt Zürich visualisiert in Murers Stadtplan

Die Graphische Sammlung ETH Zürich unterhält nicht zuletzt dank der grosszügigen finanziellen Unterstützung dreier Stiftungen ein Digitalisierungsprojekt, das den Werkbestand im «Sammlungskatalog online» öffentlich zugänglich macht. Nebst dem Scannen der Werke auf Papier ist das Erfassen der Informationen zu den Blättern ein fortlaufender Prozess des Projekts. Erhalten Sie in diesem Blogbeitrag einen Einblick in den Alltag des Inventarisierens.

Kaum eine Aufgabe ermöglicht so viel Kontakt mit Originalkunst wie die Inventarisierung eines Sammlungsbestandes. Der Umgang mit fragilen Werken erfordert grosse Sorgfalt und gestattet gleichzeitig oft Einblick in eine vergangene Welt. Der Bestand der Graphischen Sammlung umfasst Druckgrafik und Zeichnungen vom 15. Jh. bis in die heutige Zeit. Anhand eines Werks aus dem 16. Jh. wird im Folgenden eine Einsicht in die Katalogisierung gewährt.

Ein Holzschnitt als Schlüssel zur Zürcher Stadtgeschichte
1576 fertigte der Künstler Jos Murer (1530-1580), basierend auf einer von ihm gemalten Vorlage, einen kartografischen Holzschnitt: die bekannte Planvedute der Stadt Zürich, die später mit den Originalholzstöcken mehrmals neu gedruckt wurde. Die Graphische Sammlung ist im Besitz mehrerer Neuauflagen, so u. a. derjenigen von Johannes Hofmeister aus dem Jahr 1766 (Abb. 1). Auch Neudrucke aus dem 20. Jh. von Fritz Amberger und Peter Kneubühler befinden sich im Bestand. Allerdings sind sie nicht als Gesamtplan zusammengesetzt, sondern in Einzelblätter zerlegt, welche von den originalen sieben Druckstöcken abgezogen wurden – sechs etwa gleich grossen Teilen, die Zürich innerhalb der Stadtmauern und das nähere Umland zeigen sowie einem Stock, der separat das Grossmünster mit seinen damals noch spitzen Türmen abbildet. Über den Grund, weshalb die Kirche einzeln gedruckt wurde, wurde viel nachgedacht. Eine Idee ist die Vermeidung, dass der repräsentativste Bau des damaligen Zürichs durch die Positionierung am Schnittpunkt von vier Platten unsauber aufgetrennt würde. Ein anderer Grund könnte sein, dass dem Holzschneider beim Schnitt der vier umliegenden Druckstöcke das Grossmünster misslang und er es deswegen durch einen einzelnen Stock «rettete». Die Holzschnitttechnik des Werks erkennt man am fehlenden Plattenrand und den sicht- und spürbaren Vertiefungen im Blatt durch den Hochdruck.

Abb. 1: Jos Murer und Ludwig (Carli) Fryg, Planvedute der Stadt Zürich von 1576, Gesamtansicht, Neudruck von Johannes Hofmeister, 1766, Holzschnitt, 89.5 x 133 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich, Inv.-Nr. D 57516

Rekonstruktionsmöglichkeit der Stadt im 16. Jh.
Die im 16. Jh. aufgekommenen topografisch genauen Planveduten waren nicht mehr Fantasieprodukte, sondern bildeten das Motiv möglichst naturgetreu ab, so auch Murers Stadtplan. Der hier beschriebene Neudruck von 1766 zeigt nicht nur die Stadt, sondern enthält darüber hinaus weitere Informationen, u. a. zu den Beteiligten. Oben in der Bildmitte ist Murers Name aufgeführt, ebenso derjenige des ehemaligen Druckers Christoph Froschauer d. J. (1532-1585) und die Datierung (Abb. 2). Zuunterst in der Mitte wird der Formschneider Ludwig (bekannt als Carli) Fryg (1559-1586) genannt. Der Erstdrucker Froschauer ist auch auf allen Neudrucken oben vermerkt und auf der Ausgabe von 1766 steht unten links, nebst der Neudatierung, zusätzlich der Name Hofmeisters. Man kann hier somit nicht nur die Geschichte der Stadt, sondern auch des Drucks nachverfolgen.

Abb. 2: Jos Murer und Ludwig (Carli) Fryg, Planvedute der Stadt Zürich von 1576, Abzug des zweiten Holzstocks (oben Mitte), Neudruck von Fritz Amberger, 1918, Holzschnitt, 56.8 x 61.8 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich, Inv.-Nr. D 57503.2

Auf der Karte gibt es viel zu entdecken, beispielsweise wurden im bis heute so bezeichneten «Hirschengraben» tatsächlich Hirsche gehalten. Auch der Name des heutigen «Mühlestegs» kommt nicht von ungefähr, denn es gab hier früher einen hölzernen oberen und unteren Mühlesteg mit vielen Mühlrädern und einer inschriftlich bezeichneten Papiermühle (Abb. 3). Strassen- und Gebäudebezeichnungen blieben in vielen Fällen dieselben, doch zahlreiche Türme wurden später mit der Stadtmauer abgetragen und auch die Klöster innerhalb der Mauer fehlen heute. Durch die Inventarisierung und Identifizierung solcher Details erfährt man viel über die Geschichte und Veränderung der Stadt.

Abb. 3: Jos Murer und Ludwig (Carli) Fryg, Planvedute der Stadt Zürich von 1576, Abzug des vierten Holzstocks (unten links), Neudruck von Fritz Amberger, 1918, Holzschnitt, 56 x 61.8 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich, Inv.-Nr. D 57503.4

Das Inventarisierungsprojekt wird von folgenden drei Stiftungen grosszügig unterstützt:

-Ernst Göhner Stiftung
-Georg und Bertha Schwyzer-Winiker Stiftung
-Stiftung Familie Fehlmann


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