Die Ordnung der Erde. Eine neuzeitliche Weltdarstellung
Im frühen 16. Jahrhundert war die Welt in Bewegung – und mit ihr das Denken über ihre Gestalt. Die Druckkunst hatte sich zu einem Medium entwickelt, das nicht nur Wissen vervielfältigte, sondern auch als Instrument der Welterfassung diente. Die Nützlichkeit des Drucks als Zeugnis materieller Wirklichkeit hing eng mit seinem Ansehen als Medium der Berichterstattung zusammen – ein Wert, der von den Druckern jener Zeit bewusst gepflegt wurde.
Kunst und Wissen
Für die Darstellung der Welt gibt es seit der Antike nicht nur «eine» allgemeingültige Formel. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts erfuhr die mittelalterliche Kartographie allerdings drastische Veränderungen. Damals verbreitete sich der sogenannte trockene Kompass, dessen schwimmende Magnetnadel den Seefahrern eine präzisere und genauere Navigation ermöglichte. Als Folge davon entstanden die ersten Portulane, Seekarten voller nautischer Details. Sie verbanden sich zum Teil mit den älteren, symbolischen Weltbildern der sogenannten mappae mundi, sodass eine Mischung aus Glaube und Geometrie, aus Erzählung und Navigation entstand.
Zudem erweiterten die frühneuzeitlichen europäischen Expansionen die Grenzen der bekannten Welt, wodurch die Nachfrage nach Karten stieg. In dieser Umbruchzeit war Nürnberg in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eines der Epizentren der Produktion von Karten, Globen sowie künstlerischer und naturwissenschaftlicher Innovation.
In diesem Kontext entstand 1515 die Weltkarte des Johannes Stabius (Abb.1), ein Gemeinschaftswerk des Humanisten Johannes Stabius und des Künstlers Albrecht Dürer. Dieser Holzschnitt ist bedeutend für die Geschichte der Kartographie, denn er stellt als erster eine perspektivisch korrekte Wiedergabe der Kugelform der Erde dar. Die Karte ist dem Kardinal Matthäus Lang (1468–1540) gewidmet und zeigt die östliche Hemisphäre. Trotz der perspektivischen Genauigkeit der Kugelform, fällt auf, dass es Verzerrungen gibt und Orte in ihrer Länge nicht korrekt eingezeichnet sind. So etwa das Kap der Guten Hoffnung, das sich zu einem Horn verformt.
Abb.1: Albrecht Dürer, Weltkarte des Johannes Stabius, 1515, Holzschnitt, 67.6 x 91.1 cm, Inv-Nr. D 11694, Graphische Sammlung ETH Zürich
Alte und neue Grenzen
Im Vergleich zu zeitgenössischen Karten war die Version von Stabius und Dürer jedoch nicht auf dem neuesten Stand der geografischen Erkenntnisse und zeigt insgesamt weniger Details sowie eine weniger realistische Darstellung der bekannten Kontinente, Inseln und Ozeane. Sie folgt weitgehend der ptolemäischen Beschreibung des Gradnetzes und Kartenmittelpunkts sowie den von ihm bestimmten Länderbezeichnungen. Darüber hinaus sind rund um den Globus Windköpfe mit Federn dargestellt, die lateinische Namen tragen – ein Detail, das an frühere kosmologische Vorstellungen anknüpft. Durch das Spiel des Gefieders wird der mildere oder rauere Charakter der Winde angedeutet.
Abb.2: Albrecht Dürer, Weltkarte des Johannes Stabius, Detail Windköpfe, 1515, Holzschnitt, 67.6 x 91.1 cm, Inv-Nr. D 11694, Graphische Sammlung ETH Zürich
Warum aber haben sich Stabius und Dürer dafür entschieden, die Karte nach den Schriften von Ptolemäus zu gestalten und «die alte Welt» darzustellen, anstelle von der «Neuen Welt»?
Es wird vermutet, dass Stabius mit seiner Karte keine praktischen, sondern vor allem theoretische Ziele verfolgte. Er wollte damit weniger ein Werkzeug für die geografische Orientierung schaffen, sondern vielmehr eine Auseinandersetzung mit dem Einfluss von Ptolemäus anstossen und zur Weiterentwicklung seiner Kartenprojektionen beitragen. Die Arbeit von Dürer und Stabius lässt sich daher als intellektuelle Reflexion über die Grenzen der ptolemäischen Weltvorstellung verstehen. Genau das macht die Karte so interessant: Sie zeigt die Grenzen des ptolemäischen Weltbilds – und zugleich den Drang, diese Grenzen zu überschreiten. Der Blick richtet sich über den alten Erdkreis hinaus, dorthin, wo die neuzeitlichen Expansionen Europas den antiken geografischen Rahmen sprengen.