Erwischt! Crispijn de Passes moralische Deutung eines göttlichen Seitensprungs
In einer Druckgraphik zeigt Crispijn de Passe (1564–1637), wie Vulkan seine Frau Venus in flagranti ertappt. Schon länger hatte der Gott der Schmiede vermutet, dass sie untreu war, doch nun sah er es mit eigenen Augen.
Crispijn de Passe schuf 134 Druckgraphiken nach Ovids «Metamorphosen». Dieses Blatt ist Teil davon, und es zeigt eine besonders delikate Szene: Der hinkende und – gemäss Mythologie – hässliche Vulkan ahnte, dass ihn seine schöne Gattin Venus mit dem Kriegsgott Mars betrog. Nachdem er von Apollo einen Tipp erhalten hatte, schmiedete er ein feines durchsichtiges Netz. Damit fing er das Liebespaar ein und führte es den Göttern vor.
Abb.1: Crispijn de Passe (der Ältere), nach Marten de Vos, Venus und Mars werden von Vulkan überrascht, Illustration aus Ovids «Metamorphosen», Kupferstich (1602–1604), Inv.-Nr. D 006185
Die Komposition von Venus und Mars werden von Vulkan überrascht fusst auf einem Entwurf, den de Passes langjähriger Freund und Künstler Maarten de Vos (1532–1603) geschaffen hatte. Rechts im Bild sieht man den begnadeten Handwerker Vulkan bei der Arbeit am Amboss (Abb.2). Im Vordergrund ist er unmittelbar nach der Aufdeckung des Ehebruchs dargestellt, sein feines Fangnetz über die Schulter gelegt. Er zeigt auf die Götter im Himmel, die er herbeigerufen hatte und gemäss Überlieferung in schallendes Gelächter ausbrachen.
Abb 2: Crispijn de Passe (der Ältere), nach Marten de Vos, Venus und Mars werden von Vulkan überrascht (Ausschnitt), Illustration aus Ovids «Metamorphosen», Kupferstich (1602–1604), Inv.-Nr. D 006185
De Passe war ein gläubiger Mann, der seine frühen Jahre in Antwerpen verbrachte. Als die Stadt 1585 vor der spanischen Krone kapitulierte, hatte dies weitreichende Folgen: Die Bewohner:innen bekamen eine Frist, in der sie entweder zum Katholizismus konvertieren oder die Stadt verlassen mussten. Als überzeugter Mennonit blieb de Passe seinem Glauben treu und zog nach Aachen und später nach Köln, wo auch dieses Blatt entstand. Der Künstler druckte und publizierte die Ovid-Serie in seinem eigenen Graphikverlag, zuerst noch ohne Text. Doch bald entschied er sich, die Werke mit einigen Verszeilen zu versehen und ein Titelblatt voranzustellen. Dort schrieb er (im Original auf Lateinisch): «Sehen Sie hier vor sich, verehrter Leser und Betrachter, ein Buch voller amüsanter Illustrationen zu Geschichten von Ovid, die Ausdruck einer ungesunden und unrechtmässigen Liebe sind, hervorgerufen durch die Pfeile des grausamen Amors.» Auch das Blatt Venus und Mars werden von Vulkan überrascht liess er um einige lateinische Verszeilen ergänzen:
«Die himmlischen Götter lachen über den Ehebruch des Mars, und daraus wird eine Geschichte, die im ganzen Himmel bekannt ist. Hieraus kannst Du die Sitten einiger Mächtiger ersehen, die ungestraft jeden Frevel begehen dürfen.»
De Passe verstand seine Darstellungen und die dahinter liegenden Erzählungen als moralische Lektionen für junge Leute. Der Künstler wollte ihnen begreiflich machen, dass man als Neuling in Sachen Liebe auf der Hut sein müsse. Damit stand er in einer Deutungstradition, die bis ins frühe 17. Jahrhundert das Sittlich-Tugendhafte betonte. Erstaunlicherweise verstand de Passe seine Ovid-Serie gleichzeitig als Vorlagen für andere Kunstschaffende und bemerkte, «[…] dass die Lerneifrigen ihre Augen und ihren Geist mit dieser Vielfalt an Geschichten erfreuen können.» Die Moral war also ein Anliegen, aber bei weitem nicht sein Einziges.