Fremdes Lauschen
Max Pechstein (1881-1955) gehört zu den Künstlern, die mit der Dresdener Künstlergruppe Die Bücke den Aufbruch des Expressionismus in Deutschland trugen. Zunächst im Umland von Dresden dann nördlich von Berlin an der Ostseeküste suchte er vermeintlich ursprüngliche Gegenwelten in der Nähe zur Natur. Wie bei vielen Künstlern und Künstlerinnen seiner Generation war sein Weg von den weltpolitischen Umbrüchen geprägt.
1909 reiste Max Pechstein zum ersten Mal und 1920 zum letzten Mal an die Kurische Nehrung nach Nidden. Auch nach Ende der Brücke-Gemeinschaft (1905-1911) blieben ihm die Landschaft und das Leben der Fischer an der Ostsee im Rhythmus der Natur wichtige künstlerische Inspiration. Der Versailler Vertrag trennte 1919 Ostpreussen vier Kilometer südwestlich der Ortschaft ab, seit 1920 stand der nördliche Teil der Kurischen Nehrung unter alliierter Verwaltung. Inmitten einer schmalen Landzunge, auf beiden Seiten von Wasser umgeben liegt das heute litauische Nida in einer Dünen- und Waldlandschaft unter einem immensen Himmel. Trotz des zunehmenden Tourismus fand Pechstein knorrige, von rauem Leben gezeichnete Menschen und konnte mit seinen Modellen jenseits sittlicher Verbote in der Einsamkeit natürliche Nacktheit am Strand inszenieren. Von April bis September 1920 widmete er sich verstärkt Figurenbildern, aber auch Vorzeichnungen, Akten und Skizzen, die er im Winter in Berlin weiter zu Gemälden und Holzschnittfolgen ausarbeitete.
Abb. 1: Max Pechstein, Zwiegespräch, 1920, Farbholzschnitt, 53.3 x 40.5 cm, Inv-Nr. 2007.285, Graphische Sammlung ETH Zürich / © Pechstein Hamburg / Toekendorf / 2024, ProLitteris, Zurich
Bildsprache
Den hochformatigen Farbholzschnitt Zwiesprache – ein Einzelblatt – nehmen zwei Aktfiguren ein, die einander zugewandt auf einem sandfarbenen Vordergrund stehen. Im Mittelgrund evoziert eine blaugraue Fläche mit wenigen schrägen Schraffuren ein stilles, flaches Gewässer: das Süsswasser des landeinwärts liegenden sogenannten Haffs. Alle Formen stehen mit tiefschwarzen Umrisslinien blockhaft da, das Holz des Druckstocks zeichnet sich mit der Maserung in den Schattierungen ab. In der farblichen Ausgewogenheit des Drucks mit seinen Graten und Flächen in Graublau, Schwarz und Weiss entwickelt Pechstein ein spannungsreiches Gegenüber der zwei weiblichen Aktfiguren. Nebeneinander stehen sie ins Gespräch vertieft, ohne sich zu berühren. Die Interaktion zwischen den beiden Figuren wird durch die gezackten Linien zwischen ihnen, durch dynamische weisse Lichter und die Gesten unterstrichen.
Abb. 2: Max Pechstein, Zwiegespräch, Detail, 1920, Farbholzschnitt, 53.3 x 40.5 cm, Inv-Nr. 2007.285, Graphische Sammlung ETH Zürich / © Pechstein Hamburg / Toekendorf / 2024, ProLitteris, Zurich
Zick-Zack
Im Werk des Künstlers steht das Blatt in der Umbruchphase nach dem Ersten Weltkrieg. Sie begann für Pechstein mit dem durch den Ausbruch des Krieges erzwungenen Abbruch seiner Palau-Südseereise, der Ausweisung aus der deutschen Kolonie und anschliessender Internierung. Nachdem er den Krieg bis 1917 als Soldat erlebt und die Erlebnisse an der Westfront in zahlreichen Skizzen festgehalten hatte, schloss er sich als überzeugter Sozialdemokrat 1918 der Berliner Künstlervereinigung Novembergruppe an und engagierte sich im Arbeitsrat für Kunst für eine neue Integration von Kunst und «Volk». Und er kehrte 1920 ein letztes Mal nach Nidden zurück. Um nach dem Krieg handwerklich in Techniken und Materialien zurückzufinden, begann er mit dem ihm schon seit Studienzeiten vertrauten Holzschnitt. Hatte er in Palau «in vollem Einklang von Sonne, Luft, Menschen zu leben» gewünscht, versuchte er daran nun in Nidden nach dem Krieg 1920 in der «wechselnden Lichtfülle in diesem nordöstlichen Landstreifen», der «Natur mit ihrem ewiggleichen Rhythmus» und ihren Farbharmonien anzuknüpfen. Ungebrochen scheint das ‚primitivistische‘ Vokabular und jener herbe Exotismus, der ihn wie die anderen Brücke-Mitglieder in die ethnographischen Abteilungen der Museen geführt hatte. Heute ist deutlich geworden, wie sehr der Vitalismus und Vorstellungen von Unmittelbarkeit in der Aneignung des «Fremden» bei den Expressionisten Teil der Kolonialgeschichte sind.
Innehalten
Pechstein nimmt in dem Blatt für die zwei Frauen in der Ostseelandschaft eine dynamische, hölzern-gehauen wirkende Formensprache auf, mit der diese Urkräfte evoziert werden sollen. Gleichwohl der Künstler noch 1920 mit seinem Aufruf «Arbeiten!» das künstlerische Schaffen als heroische Tat in eine expressionistisch-gewaltsame Sprache giesst, gleichwohl er bei den Fischern an der Ostsee das Rauhe, Unverfälschte sucht, betont er in Zwiegespräch gerade nicht den ekstatischen Aufbruch, sondern die Innerlichkeit. Das Thema des Zwiegesprächs, vertraute Abgeschiedenheit und Versunkenheit im Sprechen, verwandelt er mit der Konzentration auf die beiden Figuren in etwas Lauschendes: der Austausch von Frau zu Frau, an dem der Künstler nicht beteiligt ist. Keck lässt er am linken Bildrand den Ellenbogen in den gedruckten Rahmen stossen, als merkte die ins Gespräch Vertiefte nichts davon. Pechstein zeigt als Erschaffer der Szene so auch sein eigenes Innehalten. Aus der Faszination des ‚Fremden‘ – eine Imagination, die ihm in Palau die Weltpolitik genommen hatte – den verlorenen Illusionen des Krieges und dem nachfolgenden Neuanfang führte Pechsteins Suche im Winter 1920/21 dann zu einer beeindruckenden Serie von Fischer-Portraits.