Im Land der wilden Zickzacks – Holzschnitte von Claudia Comte
Die Waadtländer Künstlerin Claudia Comte (*1983) überrascht immer wieder mit bildstarken, überdimensionalen, bisweilen immersiven Werken. Neben ortspezifischen Installationen, Malerei und Bildhauerei umfasst ihr Schaffen auch Druckgraphik, für welche sie von Anfang an ein ausgeprägtes Interesse gezeigt hat. Für die Ausstellung NEOGEO – Décalages féminins in der Graphischen Sammlung ETH Zürich hat sie raumfüllende Drucke geschaffen, die zusammen mit Arbeiten von Athene Galiciadis und Andrea Heller den historischen Ausstellungssaal in einen Parcours durch rhythmisierte Muster verwandelt.
Ausgehend von ihrer Ausbildung an der ECAL zeichnet das Werk von Claudia Comte eine intensive Beschäftigung mit geometrischer Abstraktion sowie mit repetitiven Systemen aus. Die Künstlerin pflegt einfache Muster und Formen aus ihrem Repertoire immer wieder neu aufzugreifen. So verhält es sich etwa auch mit dem Zickzack. Diese geometrische Form, die auch im barocken Festungsbau verwendet wurde, taucht bei ihr im Werk wiederholt auf. So tapeziert sie bereits 2011 in der Berner Milleu Gallery eine ganze Wand mit einer Zickzack-Struktur aus. 2013 schmücken die imposanten Giant Woodcuts die gesamte Hausfront der legendären Berliner Bar Babette – wie ein gezacktes Netz. Im gleichen Jahr nimmt sie die in abwechselnd ein- und ausspringenden Winkeln geknickte Linie als Teil ihrer Basics and Combinations-Serie auf. Durch die mannigfaltige Kombination von sechs Grundrastern in diversen Farben entsteht eine grossangelegte Reihe von farbenreichen Holzschnitten. Einzelne Exemplare befinden sich heute im Bestand der Graphischen Sammlung.
Abb. 1-3: Basics and Combinations, 2013, Farbholzschnitt, 70 x 50 bzw. 59.2 x 41.8 cm, drei Beispiele aus einer Serie von insgesamt 32 Blättern, Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv.-Nr. 2025.5, 2014.21.14, 2025.3) © Studio Claudia Comte
Ein Faible für Kettensägen
Comte geht in ihrer Arbeit oft streng systematisch vor, paart die präzise geplanten Konstruktionen jedoch mit einer verspielten Freiheit in der Umsetzung. Aufsehen erregt hat schon früh ihr Lieblingsgerät: eine Kettensäge. Bildwirksam wie ein Baumfäller mit Schutzkleidung ausgestattet zeigt die Künstlerin von Beginn weg Freude daran, mit dem martialischen Werkzeug nicht nur feinpolierte Skulpturen aus massiven Holzblöcken zu befreien, sondern auch exakt konstruierte Liniengefüge aus einem Druckstock herauszuschneiden. So geht sie auch bei dem für die Ausstellung konzipierten Druck The Long, Black and White Zigzags vor. Mit sicherer Hand bzw. mit Hilfe ihres motorbestückten Instruments führt sie die feine Konstruktionszeichnung aus, die zuvor auf einem Druckstock in den Massen der Raumhöhe angebracht worden ist. Nachfolgend wird die «maschinell» bearbeitete Platte mit einer für diesen Zweck entwickelten Druckfarbe eingefärbt und in Teamarbeit auf Japanpapier-Bahnen abgezogen.
Abb. 4 (links): Aufnahme aus dem Produktionsprozess von The Long, Black and White Zigzags, 2025 © Studio Claudia Comte / Abb. 5 (rechts): The Long, Black and White Zigzags, 2025, Holzschnitt, 452 × 96 cm ©Studio Claudia Comte, Foto: Cedric Mussano
Pulsierende Landschaften
In sechsfacher Ausführung und frei im Raum hängend nehmen die Blätter bei der Positionierung das geometrische Raster der historischen Decken auf. Wie eine Art Baumstämme lassen sie zusammen mit den Papierarbeiten der anderen zwei Künstlerinnen gleichzeitig eine filigrane, pulsierende Landschaft entstehen. Analog zu den raumgreifenden Wandgemälden, die Comte etwa in Kaliforniern realisiert hat, generieren sie einen flirrenden, von Blitzen strukturierten Wahrnehmungsraum. Von einer «puren visuellen Energie» spricht David Khalat in der begleitenden Publikation. Oder wie es die Künstlerin selbst ausdrückt: «Muster haben eine inhärente Fähigkeit, Raum und Wahrnehmung zu organisieren. Sie können Harmonie schaffen, aber auch durch Verschiebungen und Variationen störend wirken. Ihre Wiederholung kann meditativ, immersiv oder desorientierend sein.»
Abb. 6: Curves and Zigzags, 2017, Wandgemälde in Acryl, 3 × 30 m, Homme-Adams Park, Palm Springs, Kalifornien © Studio Claudia Comte, Foto: Lance Gerber
Abb. 7: The Long, Black and White Zigzag, 2025, sechsteilig, Holzschnitt auf Japanpapier, 452 × 96 cm, Ausstellungsansicht, Graphische Sammlung ETH Zürich © Studio Claudia Comte, Foto: Livio Baumgartner
Video zur Ausstellung:
Videos – Graphische Sammlung ETH Zürich
Katalog zur Ausstellung:
NEOGEO – Décalages féminins Claudia Comte, Isabelle Cornaro, Anaïs Defago, Sylvie Fleury, Athene Galiciadis, Andrea Heller – Graphische Sammlung ETH Zürich
Weitere Details zu den Blättern unter:
https://www.e-gs.ethz.ch/eMP/eMuseumPlus