Karl Gotthard Grass – eine Entdeckung in der Graphischen Sammlung ETH Zürich

Um 1800 reist der aus dem heutigen Lettland stammende Künstler Karl Gotthard Grass (1767–1814) in die Schweiz – ein Aufenthalt, der sein künstlerisches Schaffen nachhaltig prägen sollte. Die Graphische Sammlung ETH Zürich bewahrt 116 seiner Aquarelle und Zeichnungen aus dieser Zeit. Lange unbeachtet schlummerten sie in ihren Boxen im Depot. Nun kamen sie im Rahmen der Ausstellung «Gletscher & Stromschnellen. Gezeichnete Schweiz um 1800» (1.4.-5.7.2026) wieder ans Licht. Höchste Zeit, sie wiederzuentdecken!

Abb. 1: Karl Gotthard Grass (1767-1814), Stromschnelle, 1796/1803, Aquarell über Graphit auf Velin, 13.9 x 21.4 cm, Z 969, Graphische Sammlung ETH Zürich.

Aufenthalt in der Schweiz und Freundschaft mit Ludwig Hess
Mit schnellen, sicheren Strichen mit Graphitstift und Pinsel hält Grass zwei Figuren fest, die am Berghang sitzend ihren Blick über das Lauterbrunnental im Berner Oberland schweifen lassen (Abb. 2). Gekonnt fängt er das Spiel von Licht und Schatten ein. Zarte fliessende Farbübergänge verleihen der Szene eine warme und idyllische Wirkung.

Vielleicht handelte es sich bei dieser Szene um einen Nachmittag im Sommer 1796 auf einer der vielen Zeichnungsreisen, die Grass gemeinsam mit Ludwig Hess (1760–1800) durch die Schweizer Berge unternahm. Vermutlich sind die beiden sogar hier festgehalten. Grass kam in diesem Jahr in die Schweiz, wo er für sieben Jahre blieb. Im Umfeld von Hess fand er nicht nur Anschluss, sondern auch einen engen Freund und Mentor. Zwar galt sein Interesse ebenso der Theologie und Literatur, doch während seines Aufenthalts in der Schweiz fand er im Aquarell sein präferiertes Ausdrucksmittel.

Abb. 2: Karl Gotthard Grass (1767-1814), Blick ins Lauterbrunnental, 1796/1803, Aquarell und Graphit auf Velin, 17.9 x 22.5 cm, Z 1019, Graphische Sammlung ETH Zürich.

Die Schweizer Bergwelt im Aquarell
Grass suchte in der Natur gezielt nach dem «Malerischen». Das Aquarell bot ihm dafür ideale Voraussetzungen: Es erlaubte ihm, spontan auf die Eindrücke der Natur zu reagieren und ein besonderes Augenmerk auf das wechselnde Tageslicht zu legen. Grass’ Aquarelle zeugen von einer aussergewöhnlichen Sensibilität für Licht und Farbe in der Landschaft. Mit grosser technischer Sicherheit hält er atmosphärische Stimmungen differenziert fest (Abb. 1-3). Seine Blätter sind dabei keine Vorstudien für Gemälde oder Druckgrafiken, sondern eigenständige Werke. Dabei folgt die Farbigkeit, etwa in Landschaft mit Bergbach (Abb. 3), nicht immer strikt naturalistischen Regeln, vielmehr gibt sie wieder, wie Grass die Landschaft im Moment des Sehens empfand. Gerade darin liegt die besondere Qualität seiner Werke. Bis heute wirken sie überraschend frisch, farbintensiv und in ihrer Wirkung beinahe impressionistisch.
Seine Arbeiten sind demnach mehr als Landschaftsstudien, sie sind Ausdruck einer tiefen persönlichen Beziehung zur Natur.

Alle Werke von Grass in der Graphischen Sammlung ETH Zürich wurden erschlossen, erforscht und digitalisiert. Sie sind vollständig über die Sammlung Online zugänglich: Werke Karl Gotthard Grass Sammlung Online

Abb. 3: Karl Gotthard Grass (1767-1814), Landschaft mit Bergbach, 1796/1803, Aquarell und Graphit auf Velin, 21.2 x 28.2 cm, Z 970, Graphische Sammlung ETH Zürich.


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