Wie Kunst entsteht. Zu Rembrandts Künstler nach dem Modell zeichnend
Rembrandts Graphik Künstler nach dem Modell zeichnend gehört zu jenen Atelierbildern, in denen der künstlerische Schaffensprozess selbst zum Thema wird – sowohl durch das gezeigte Motiv als auch durch die Art seiner Darstellung.
Abb. 1: Rembrandt Harmensz. van Rijn, Künstler nach dem Model zeichnend, um 1639, Radierung und Kaltnadel, Inv.-Nr. D 1145, Graphische Sammlung ETH Zürich
Unfinished als Konzept
Während einzelne Partien des Blattes detailliert ausgearbeitet sind, bleiben andere, insbesondere der zeichnende Künstler und sein Model, skizzenhaft. Dieser ungleiche Grad der Ausarbeitung verweist nicht auf ein abgebrochenes Werk, sondern auf eine gezielte Entscheidung, Prozesshaftigkeit sichtbar zu machen. Die Verwendung der Kaltnadel, mit der Rembrandt flüchtige, der Handzeichnung ähnelnde Linien erzielt, war dafür besonders geeignet. Dass Rembrandt keine vermeintlich „fertige“ Version realisiert hat, legt nahe, dass gerade dieser Zustand zwischen Geste und Ergebnis angestrebt war. Mit diesem Bild hat Rembrandt ein Werk geschaffen, das zugleich Darstellung und Dokument des künstlerischen Arbeitens ist.
Abb.2: Rembrandt Harmensz. van Rijn, Künstler nach dem Model zeichnend, um 1639, Radierung und Kaltnadel, Inv.-Nr. D 1145, Graphische Sammlung ETH Zürich, Detail
Musenküsse
Die Konstellation von männlichem Künstler und weiblichem Modell, wie sie Rembrandt hier zeigt, gehört zum festen Kanon der europäischen Kulturtradition. In ihrer Konnotation als Muse, Geliebte oder Inspirationsquelle ist die weibliche Figur dabei zumeist Projektionsfläche, ein passives Gegenüber, das durch seine sensuelle Präsenz künstlerische Produktion anregen soll. Gerade in der Druckgrafik schlägt sich diese Denkfigur auch in der Sprache nieder. So verweist etwa der technische Terminus „Matrix“ – der die Druckform bezeichnet und etymologisch mit dem Begriff der Gebärmutter verwandt ist – auf einen weiblich konnotierten Ursprungsort, an dem Form annimmt, was zuvor unsichtbar war. Sie steht für das Zwischenreich von Idee und Sichtbarkeit, von Potenzial und Verwirklichung. Ebenso ist das leere, weisse Papier nicht nur materieller Träger, sondern eine gendercodierte Metapher, etwa als jungfräuliche Fläche, als Empfängerin geistiger Ergüsse. All dies verweist auf ein kulturelles Imaginationsmuster, in dem künstlerisches Arbeiten mit Geschlechterzuschreibungen tief verknüpft ist.
Rembrandts Blatt bietet daher nicht nur Anlass, über Prozessualität nachzudenken, sondern auch über die Wirkmacht solcher Vorstellungen. Es wirft die Frage auf, ob und wie Künstlerinnen sich in eine Bildsprache einschreiben können, die ihnen historisch nicht zugedacht war. Werden auch sie von der Muse geküsst – und wenn ja, folgen darauf Kunstgeburten von Werkkindern? Oder bedarf es neuer Narrative, neuer Konstellationen, neuer Metaphern, um das Verhältnis von Kreativität, Körper und Geschlecht neu zu denken?