Franz Gertsch. Looking Back. Hommage zum Neunzigsten

1. September bis 15. November 2020

Der unbekannte Gertsch? Der Künstler gehört zu den bedeutendesten seiner Generation, und seine riesigen fotorealistischen Gemälde und Holzschnitte, die ab 1969 entstehen, zählen zu den Ikonen Schweizer Kunst. Von einem unbekannten Gertsch zu sprechen, mag daher kühn erscheinen. Zu Ehren des neunzigsten Geburtstags hat sich die Graphische Sammlung ETH Zürich entschlossen, dem Publikum das weitgehend unbekannte Frühwerk zu erschliessen und den Künstler von einer für viele unerwarteten Seite zu zeigen.

Die Ausstellung blickt zurück auf die Anfänge, als der junge Gertsch noch verschiedene Ausdrucksweisen ausprobierte und stilistisch sehr unterschiedlich arbeitete – auch wenn er immer der Gegenständlichkeit verpflichtet blieb. Gemeinsam mit dem Künstler wurden einzelne Themen aus dessen Sammlung ausgewählt und punktuell um Arbeiten aus dem eigenen Bestand ergänzt. Zu sehen sind Studien, Blätter aus seinen Skizzenbüchern, Zeichnungen sowie Holzschnitte und Künstlerbücher. Alle diese Werke verdeutlichen, dass Gertsch früh einen auffällig melancholischen Blick auf die Welt entwickelt hat. Seine Affinität zu romantisch angelegten Szenerien vereint sich bereits da mit einem überaus intensiven Gespür für Stimmungen, für das Atmosphärische, das charakteristisch für sein späteres Schaffen werden sollte. Hier lassen sich klare Verbindungslinien feststellen. Auch in den monochromen Farbräumen seiner vielbeachteten Hauptwerke manifestiert sich dieser entrückte Blick, ein Blick in die Ferne, ein Blick, der Räume und Zeiten überspannt.

Die Präsentation ist nicht chronologisch, sondern nach verschiedenen Motivgruppen gegliedert. Gertschs filigrane Naturstudien lassen den virtuosen Zeichner erkennen. Seine Landschaften – im Frühwerk zuweilen von der Zeit der Romantik oder von Ferdinand Hodler geprägt – wie auch seine Porträts, Figuren und Innenraumdarstellungen tauchen sowohl in den Zeichnungen wie auch als Linol- und Holzschnitte auf. Bereits mit sechzehn Jahren wandte sich Gertsch diesen Drucktechniken zu, wobei er sich zu Beginn an den altdeutschen Xylographien sowie an den linearen Holzschnitten von Aristide Maillol orientierte. Die vier ausgestellten Künstlerbücher und viele Einzelblätter zeugen zudem von Gertschs Beschäftigung mit Märchen und Sagen. Dies rührt nicht zuletzt von seiner aktiven Mitwirkung im Zirkel «Tägelleist» der Berner Subkultur. Ab 1957 und bis in die 1960er-Jahre setzte er sich mit Gleichgesinnten – unter anderem mit seinem engen Freund Sergius Golowin und mit Maria Meer, seiner späteren Ehefrau – für eine neue Wertschätzung der volkskulturellen Tradition ein. Die Mitglieder des «Tägelleists» trugen Mythen des Berner Oberlands zusammen und trafen sich regelmässig zu Vorträgen und Lesungen, was sich in einigen Motivgruppen Gertschs niederschlug.

Ergänzt wird dieser Teil der Ausstellung durch prachtvolle Farbproben, die im Korridor gezeigt werden. Sie entstehen im Verlauf des komplexen Druckprozesses der grossformatigen späteren Holzschnitte und laden dazu ein, eine weitere Facette von Gertschs Werk kennenzulernen. Die farbigen Testreihen, die der Künstler liebevoll als «études (de) couleurs» bezeichnet und für sich als eigene Sammlung abgelegt hat, fördern eine reizvolle Vielfalt von Erscheinungsformen zu Tage.

Kuratorinnen: Dr. Linda Schädler und Alexandra Barcal

Aufgrund der Einschränkungen bedingt durch die Corona-Pandemie ist die maximale Anzahl im Ausstellungsraum auf 15 Personen beschränkt. Es besteht Maskenpflicht.

Zur Ausstellung findet ein abwechslungsreiches Begleitprogramm statt. Informieren Sie sich hier.

Im Hirmer Verlag ist ein umfangreicher Katalog (in Deutsch und Englisch) zur Ausstellung erschienen.

Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Bern und «SWISSLOS/Kultur Kanton Bern» und der Georges und Jenny Bloch-Stiftung.