«Franz Gertsch. Looking Back. Hommage zum Neunzigsten»

Demnächst

Wer an Franz Gertsch denkt, denkt an seine grossen Gemälde und Holzschnitte. Der Künstler arbeitet seit den 1969er-Jahren meist in riesigen Formaten. Sie haben ihn auch international bekannt gemacht. Weniger im allgemeinen Bewusstsein verankert sind hingegen Gertschs Werke aus der Zeit davor. Zum neunzigsten Geburtstag des wichtigen Schweizer Künstlers konzentriert sich die Graphische Sammlung daher für einmal ganz auf sein frühes Schaffen. Die Auswahl geht von filigranen Holzschnitten bis zu romantisch anmutenden Zeichnungen, von Skizzen bis zu Künstlerbüchern. Darüber hinaus sind atmosphärische Farbproben zu sehen, die im Verlauf des Druckprozesses der grossformatigen späteren Holzschnitte entstehen.

Franz Gertsch (*1930) gehört zu den bedeutendsten Schweizer Künstlern der Gegenwart, der auch auf dem internationalen Parkett präsent ist. Und er blickt auf eine lange Karriere zurück: Dieses Jahr feiert er seinen neunzigsten Geburtstag. Aus diesem Anlass widmet ihm die Graphische Sammlung ETH Zürich eine Ausstellung mit Katalog, die sich für einmal ganz auf sein frühes Werk konzentriert. Seit Langem ist die Graphische Sammlung mit dem Künstler verbunden, und sie besitzt zahlreiche druckgraphische Werke seiner reifen Phase. Doch für diese Ausstellung wollte die Institution nicht nur aus dem eigenen Fundus schöpfen, sondern die frühen Zeichnungen und Holzschnitte ans Licht holen, die sich grösstenteils im Besitz des Künstlers befinden. Im engen Austausch mit Franz Gertsch wurde eine konzise Werkgruppe zusammengestellt, die von den 1940ern bis in die 1960ern reicht, und die um einige Arbeiten aus der Graphischen Sammlung ergänzt sind.

Völlig ungegenständliche Bildfindungen waren nie das Ziel von Franz Gertsch, obwohl dies nach dem Zweiten Weltkrieg klar der Trend der Zeit war. Er schuf weder konkrete Kunst noch war er Anhänger des Abstrakten Expressionismus oder einer Farbfeldmalerei. Er verfolgte unbeirrbar seinen eigenen Weg – einfach war es trotzdem nicht. Gertsch war ein Suchender, der sich vielen künstlerischen Stilen zuwandte und sie gleichsam auf ihre Kraft abtastete. Er vertraute seinem Frühwerk lange nicht: Kunst aus dieser Phase stellte er nach 1969 nicht mehr aus, weil ihm sein Schaffen lange Zeit erst ab den späten 1960er-Jahren als reif und gültig erschien. Seit den 1990er-Jahren wird sie in Ausstellungen gezeigt, denn die Kunst aus seinen frühen Jahren macht besonders gut deutlich, wie sehr Gertsch verschiedene Ausdrucksweisen ausprobierte. Obwohl er immer der Gegenständlichkeit verpflichtet blieb, sind seine Werke stilistisch sehr unterschiedlich: Der Künstler schuf filigrane Bleistiftskizzen, mit denen er in mehreren Strichen die Umrisse seiner Motive suchend abtastet oder fertigte Tuschezeichnungen an, in denen er seine Sujets mit präzis gesetzten, geschwungenen Linien herausarbeitete. Auch in der Druckgraphik entwickelte er ganz verschiedene Ausdrucksformen. Sie reichen von linienbetonten, fast schon skizzenhaft zu nennenden Holzschnitte in Schwarzweiss bis zu solchen, in denen er klare Formen wählte und mit Farbe experimentierte. Zudem schuf Gertsch damals vier Künstlerbücher mit Holzschnitten und Texten. In der Ausstellung ist das Frühwerk in Themengruppen ausgestellt und unterstreicht, dass der Künstler oft auf seine Motive zurückgekommen ist. Frauenfiguren in Rückenansicht, Gesichter, Landschaften, mythologische Figuren wie etwa Orpheus oder Innenräume mit fast schon phantastisch-surrealen Elementen sind anzutreffen.

Darüber hinaus laden Farbproben, die im Verlauf des komplexen Druckprozesses der beeindruckenden grossformatigen Holzschnitte entstehen, dazu ein, die schiere Pracht einer weiteren Facette von Gertschs Werk kennenzulernen. Die farbigen Testreihen, die der Künstler liebevoll als «études (de) couleurs» bezeichnet und für sich als eigene Sammlung abgelegt hat, fördern eine enorme Vielfalt an Erscheinungsformen zu Tage. Es muss um 1997 herum gewesen sein, als der Künstler quasi als Nebenbeschäftigung zum parallel laufenden Neudruck seiner frühen Holzschnitte damit anfängt, die gesammelten Farbproben als gültige Varianten wahrzunehmen. Sie dienen ihm nicht nur als technische Hilfsmittel, sondern üben darüber hinaus einen ganz besonderen Reiz aus: an den kleinen, monochromen Farbräumen kann sich nicht nur der Künstler einfach nicht satt sehen.

Zur Ausstellung erscheint ein reich bebilderter Katalog mit zwei Aufsätzen, in denen – Tiefenbohrungen vergleichbar – zwei Aspekte herausgearbeitet werden: Alexandra Barcal geht in ihrem Essay den Farbproben und den geheimnisvollen Farbräumen auf die Spur und Linda Schädler fokussiert in Ihrem Text auf die vier frühen Künstlerbücher, in denen Gertsch gekonnt Bild und Text kombiniert.

Hirmer Verlag (deutsch und englisch).
Mit freundlicher Unterstützung der Stadt Bern.

Kuratoren-Team:
Dr. Linda Schädler, Leiterin Graphische Sammlung ETH Zürich
Alexandra Barcal, Konservatorin 20. – 21. Jh. Graphische Sammlung ETH Zürich