Die Kupferstiche von Agostino Carracci (1557–1602) und Hendrick Goltzius (1558–1617) zeigen, dass das unmöglich Scheinende vollbracht werden kann. Kein Text lässt sich über diese beiden Akrobaten der Linie finden, der ohne die Worte virtuos und meisterhaft auskäme. Und auch die Ausstellung der Graphischen Sammlung ETH Zürich betont mit «Crossing Parallels – sich kreuzende Parallelen» die verblüffenden Effekte im Werk der beiden Künstler.
Der Ausstellungstitel spielt freilich auch auf die Lebenslinien von Carracci und Goltzius an, weisen ihre Biographien doch bemerkenswerte Parallelen auf: So, wie Goltzius der gefragteste und tonangebende Kupferstecher seiner Zeit im Norden war, so war es der gleichaltrige Carracci im Süden. Beide waren kunsttheoretisch interessiert und gründeten in ihrer Heimat eine Akademie. Trotz ihrer herausragenden Erfolge im Medium der Druckgraphik, wandten sich beide im Alter von dieser Technik ab und vermehrt der Malerei zu.
Unabhängig voneinander entdeckten Carracci und Goltzius das illusionistische Potential an- und abschwellender Linien, die ihr gemeinsames Vorbild – der Künstler Cornelis Cort (1533–1578) – erstmalig im Kupfer¬stich verwendet hatte. Sie entwickelten seine technische Innovation derart weiter, dass sie jeweils zu ihrem Markenzeichen als Kupferstecher wurde.

Die in der Zürcher Ausstellung erstmalig gewagte Gegenüberstellung der beiden Meister soll jedoch nicht nur das Auge für deren technisches Knowhow schärfen. Carracci und Goltzius haben auch stilistisch und mit der Wahl ihrer Bildinhalte das Medium des Kupferstichs revolutioniert und nachhaltig geprägt. In der Ausstellung wird dieser Aspekt konkret anhand von ausgewählten Themenkreisen gezeigt, darunter ihre Porträtkunst, ihre Auseinandersetzung mit Skulpturen der Antike und der Renaissance, ihre erotischen Bilder sowie jene Kupferstiche, in denen sie sich explizit mit dem Werk oder dem Stil eines anderen Künstlers auseinandersetzen.

Kuratoren der Ausstellung: Dr. Susanne Pollack, Graphische Sammlung ETH Zürich und Dr. Samuel Vitali, Kunsthistorisches Institut Florenz, Max-Planck-Institut.

Die Graphische Sammlung ETH Zürich besitzt rund 160’000 Kunstwerke auf Papier. In dieser Ausstellung wird eine kleine Auswahl davon unter einem bestimmten Aspekt zu sehen sein. Lassen Sie sich überraschen, welche Werke des 20. und 21. Jahrhunderts zueinander in Bezug gesetzt werden.

Kuratorin der Ausstellung: Laura Vuille