Technik, Tempo und Telefon – das war die moderne Welt, wie sie Lill Tschudi (1911–2004) in den grossen europäischen Metropolen erlebt hatte. 1929 ging die Glarner Kaufmannstochter nach London, um an der Grosvenor School of Modern Art eine künstlerische Ausbildung zu geniessen. Bald machte sich die  talentierte Künstlerin mit ihren Farblinolschnitten einen Namen. In den 1930er- und 1940er-Jahren erlangte sie innerhalb der Modernist British Printmaking-Bewegung grosse Bekanntheit im
angelsächsischen Raum, die bis heute anhält. Das Metropolitan Museum in New York besitzt ein stattliches Konvolut von 118 Blättern, ihre Werke werden an Auktionen in England und  Australien nach wie vor erfolgreich angeboten und verkauft. In ihrer Schweizer Heimat jedoch ist sie weitgehend in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung in der Graphischen Sammlung und der begleitende Katalog präsentieren Tschudis ikonische Werke aus dem eigenen Bestand zusammen mit Leihgaben aus dem In- und Ausland. Die Auswahl wirft neues Licht auf die grosse Meisterin des Linolschnitts.

Sport und Jazz, pulsierendes Grossstadtleben neben beschaulichen Szenen aus der ländlich geprägten Schweiz, aber auch Eindrücke aus dem Frauenhilfsdienst während des Zweiten Weltkrieges – das thematische Spektrum ist bei Lill Tschudi eindrücklich, die technische Brillanz sucht ihresgleichen. Im Zuge der umfassenden Recherchen zu ihrem Werk wurden erstaunliche Funde gemacht. Einblicke in private Sammlungen und in den Nachlass der Künstlerin erlauben es, das Spektrum der bekannten Linoldrucke um bislang unbekanntes Material wie Vorzeichnungen, Ölbilder, Skizzenbücher sowie Druckplatten aufzuspannen. Dazu sind auch Beispiele von angewandter Graphik, z.B. Entwürfe für Plakate oder Stoffmuster zu zählen. Tschudi hat in Paris bei Fernand Léger (1881–1955) «publicité» studiert und sich eine Zeit lang intensiv mit Werbung beschäftigt. Besonders hervorzuheben ist ausserdem ein neu entdecktes Album: in Form eines Leporellos hat hier die Künstlerin Motive aus der damals schillernden Welt der Illustrierten gesammelt, eingeklebt und damit einen eigentlichen Bildfundus angelegt. Diese Trouvaille kann als Schlüssel zum bewegten Leben und Schaffen dieser aussergewöhnlichen Frau bezeichnet werden. Auch wenn ihre Biographie in der damaligen Zeit eine Ausnahmeerscheinung war, so wird dennoch klar, dass es in der Schweiz damals begabte Künstlerinnen gab, die mit ihrem unbeugsamen Willen unbeirrt ihren schöpferischen Weg verfolgten.

Kuratorenteam: Alexandra Barcal, Graphische Sammlung ETH Zürich, und Marcel Just, Gastkurator

Lill Tschudi, Foxtrot, 1930, Linolschnitt, dreifarbig, 25.2 × 17.8 cm, Sammlung Glarner Kunstverein, © Nachlass Lill Tschudi

Die Graphische Sammlung ETH Zürich zeigt im 2022 eine Einzelausstellung über die renommierte Schweizer Künstlerin Daniela Keiser (*1963). Diese Präsentation widmet sich einer neuen Werkgruppe, die einen wichtigen Meilenstein für sie markiert. Ausgangspunkt für ihr Vorhaben ist ihre mehrjährige Beschäftigung mit der Technik der Cyanotypie, einem fotografischen Verfahren, das blau gefärbte Abzüge generiert. Die Künstlerin aktualisiert das Verfahren aus der Gründerzeit der Fotografie im Hier und Jetzt: Digitale eigene Fotografien oder gefundene Abbildungen werden in einem mehrstufigen Prozess in der Technik der Cyanotypie umgesetzt. Wie in früheren Projekten hat die Künstlerin verschiedene assoziative Stränge ausgelegt, sowohl vom Medium wie auch vom Motiv her.

Keiser beschäftigt sich in ihrem Projekt mit Phänomenen, die Landschaftsformationen, Besiedlungsstrukturen, den Agrarhandel wie auch die Farbe per se umfassen. Drei Werkgruppen innerhalb des Projekts basieren auf Fotografien, die sie in der Nähe von Dresden, Belfast sowie Nordspanien / Südfrankreich machte, weshalb in zwei der drei Regionen zeitgleich zur Zürcher Ausstellung einzelne Werke als gezielte Interventionen von Daniela Keiser zu sehen sein werden (im Ulster Museum in Belfast und im Kupferstich-Kabinett Dresden).

Die multinationale Kooperation wird von einer reich illustrierten 300-seitigen Publikation ergänzt. Darin finden die geografisch verteilten Werke im Medium des Buches zusammen. Die enthaltene Aufsätze nähern sich dem Projekt aus kunsthistorischer, dann aber auch aus wirtschaftsgeografischer, philosophischer und kulturgeschichtlicher Sicht.

Eine Kooperation der Graphischen Sammlung ETH Zürich, Dr. Linda Schädler, mit dem Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Dr. Björn Egging und dem Ulster Museum, Belfast, Anna Liesching.

Kuratorin für die Ausstellung in der Graphischen Sammlung ETH Zürich:
Dr. Linda Schädler, Leiterin


Mit freundlicher Unterstützung:

 

 Stadt Zürich

Ernst und Olga Gubler-Hablützel Stiftung

Stiftung Erna und Curt Burgauer

 

Daniela Keiser, Ohne Titel [Cannabis V], Blatt 5 der Serie „Apotheke“, 2020, Cyanotypie, 67 x 51 cm, Graphische Sammlung ETH Zürich / © Daniela Keiser, Künstlerin

Scheibenrisse sind Entwurfszeichnungen für Glasmalereien. Die kleinformatigen Glasgemälde gelten als schweizerische und süddeutsche Eigenheit, die im 16. und 17. Jahrhundert durch die Sitte der Wappen- und Fensterschenkungen eine Hochblüte erlebten. Ein Scheibenriss legt das Bildprogramm mit dem Stifterwappen fest; manchmal sind auch Informationen zum Bleirutennetz oder zu den Farben der Gläser vermerkt.

Die Graphischen Sammlungen der Zentralbibliothek Zürich, der ETH Zürich, des Kunsthaus Zürich und des Schweizerischen Nationalmuseums besitzen bedeutende historische Bestände an Scheibenrissen. Sämtliche wichtigen Künstler ihrer Zeit sind darin mit herausragenden Blättern vertreten. Die Ausstellung in der Schatzkammer der Zentralbibliothek zeigt 60 Scheibenrisse aus den Beständen der vier Sammlungen.

Allegorien, biblische Geschichten, Szenen aus dem Alltag, aus der Berufswelt, repräsentative Standeswappen oder Familienwappen gehören zu den beliebtesten Sujets und geben einen vielfältigen Einblick in das damalige Leben. Kostbare Glasgemälde aus der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums, die nach Scheibenrissen in der Ausstellung entstanden sind, erweitern die Thematik. Zur Ausstellung erscheint ein reich illustrierter Katalog und unter https://www.zb.uzh.ch/de/exhibits können sich die Besucherinnen und Besucher zu den verschiedenen Begleitveranstaltungen informieren.

Kuratoren-Team:
Jochen Hesse, Zentralbibliothek Zürich
Mylene Ruoss, Schweizerisches Nationalmuseum Zürich
Jonas Beyer, Kunsthaus Zürich
Susanne Pollack, Graphische Sammlung ETH Zürich

 

Daniel Lindtmayer, Oberlichtentwürfe mit fünf Darstellungen des Ackerbaus und der Käserei, um 1601, Feder in Schwarz, grau laviert, 308 x 204 mm, Graphische Sammlung ETH Zürich

Immer wieder löst die Tatsache, dass ausgerechnet eine Technische Hochschule im Besitz einer hochkarätigen Sammlung für Kunst auf Papier ist Verwunderung und Neugier aus. Dass diese, vor allem für ihren erstklassigen Altmeisterbestand berühmte Sammlung auch bedeutende Graphiken japanischer sowie chinesischer Künstler des 18. und 19. Jahrhunderts aufbewahrt, wissen selbst Fachkundige häufig nicht. Das recht heterogene Ostasiatika-Konvolut beinhaltet sowohl Werke von in Europa allseits bekannten japanischen Künstlern wie etwa Utagawa Hiroshige oder Katsushika Hokusai; aber auch viel unerwartete Fundstücke, zum Beispiel eine Folge von 100 bezaubernden botanischen Zeichnungen von Katō Chikusai und Hattori Sessai.

Gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Ostasiatische Kunstgeschichte der Universität Zürich bereitet die Graphische Sammlung ETH Zürich eine Ausstellung vor, die diesen unbekannten Schatz erstmalig wissenschaftlich erschliesst und der Öffentlichkeit präsentiert.

Neben dem klaren Fokus auf den ostasiatischen Bestand der Sammlung werden in der Ausstellung auch Arbeiten von europäischen Kunstschaffenden gezeigt, die sich in ihrem Oeuvre intensiv mit ostasiatischer Kunst auseinandergesetzt haben, wie etwa Emil Orlik.

Kuratoren-Team:
Prof. Dr. Hans Bjarne Thomsen, Universität Zürich
Dr. Susanne Pollack, Graphische Sammlung ETH Zürich

Utagawa Hiroshige, Kirschblüten bei Nacht am Nakanochō im  Yoshiwara, aus der Serie  „Berühmte Orte in der östlichen Hauptstadt (Tōto meisho)“, 1834, Farbholzschnitt, Japan, 243 x 373 mm, Graphische Sammlung ETH Zürich

Die Zürcher Druckwerkstatt von Thomi Wolfensberger gilt als eine der renommiertesten Adressen für den Steindruck weit über die nationalen Grenzen hinaus. Was passiert da genau, wenn Kunstschaffende mit dem Drucker vor Ort in einen Dialog treten? Drei Jahre lang untersuchte ein transdisziplinäres Forschungsteam im Rahmen des SNF-Projektes «Hands-on. Dokumentation künstlerisch-technischer Prozesse im Druck» (2018-2021) die präzisen wie intuitiven Abläufe, Arbeitsschritte und Handgriffe bei der Herstellung von künstlerischer Druckgraphik und dokumentierte diese auf vielfältigste Art und Weise.

Den eingeladenen KünstlerInnen, darunter Dominik Stauch, Sabine Schlatter und Michael Günzburger, wurde dabei ganz genau auf die (er)schaffenden Finger geschaut. In der Ausstellung soll nun anhand ihrer Beispiele der Prozess des Druckens erfahrbar gemacht werden. Es sollen für einmal nicht nur die gedruckten Artefakte der beteiligten KünstlerInnen präsentiert werden. Vielmehr wird der eigentliche Druckprozess sowie gleichzeitig dessen (wissenschaftliche) Beobachtung integral thematisiert und reflektiert. Neben Ausziehbögen, Schablonen und Farbfächern ist im Rahmen des Projektes eine beträchtliche Menge an Filmmaterial (Piet Esch) und ethnographischen Notaten (Mara Züst) entstanden. Mit Hilfe eines eigens entwickelten Vokabulars sowie eines User Interface, einer Benutzerschnittstelle, die alle Beobachtungen und das Inventar der Werkstatt mit all ihren Maschinen, Instrumenten, Materialien digital für das Publikum zugänglich macht, können zentrale Momente im technischen wie schöpferischen Prozess enthüllt und verdichtet werden. Aus der Warte eines Beobachtenden kann sich somit jeder und jede ein exaktes Bild von den Geheimnissen des Druckens machen.

Kuratoren-Team:
Alexandra Barcal, Graphische Sammlung ETH Zürich, Prof. Christoph Schenker, Institute for Contemporary Art Research (IFCAR) an der ZHdK

Dokumentation des Farbmischens aus dem Druckprozess mit Dominik Stauch, Foto: Christoph Schenker