Die Werke von Yves Netzhammer (*1970), der in Zürich lebt und arbeitet, haben ihren Ursprung im digitalen Raum, der für den Künstler eng verwandt mit dem Raum der eigenen Imagination ist. In den Zeichnungen und Animationsfilmen des international renommierten Schweizer Künstlers werden die Grenzen, Berührungspunkte und Übergänge zwischen Subjekt und Welt, zwischen realen und virtuellen Ebenen untersucht. Seine Figuren und Szenerien, die er mit der Maus am Computer zeichnet oder in 3D-Computeranimationsprogrammen realisiert, kreisen um Mischwesen und Fusionen aus Disparatem. Sie scheinen einer surreal rätselhaften und doch intuitiv zugänglichen Matrix entsprungen zu sein, die auch eine fortlaufende Veränderung der Gestalten und Kontexte beinhaltet – durch deren «transformative Permutation» gleichzeitig auch über unsere Gegenwart modellhaft reflektiert wird.

Die Graphische Sammlung ETH Zürich realisiert immer wieder Ausstellungsprojekte an der Schnittstelle zu ETH-Disziplinen. Vor diesem Hintergrund ist auch die Kooperation zwischen Yves Netzhammer und der international renommierten Professur für Architektur und Digitale Fabrikation, Gramazio Kohler Research (http://gramaziokohler.arch.ethz.ch/), am Departement Architektur entstanden. Im initiierten Austausch hat sich rasch gezeigt, dass der Faden eine zentrale Rolle im gemeinsamen Projekt spielen soll. Einerseits kommt das Material wiederholt in den Bildwelten des Künstlers vor, andererseits greifen auch die Architekten Fabio Gramazio und Matthias Kohler bei ihrer Forschung auf Geflechte aus Schnur, Garn oder Faser zurück. Hier lässt sich wortwörtlich anknüpfen: das digital gezeichnete Liniengefüge erfährt eine Erweiterung in den Raum. Geplant ist eine raumgreifende Installation mit Robotern, die für die digitale Fabrikation in der Architektur an der ETH entwickelt worden sind. Diese Apparaturen sollen um neue Funktionen erweitert und an zusätzliche Anforderungen angepasst werden. Während man die eine einen Faden nach Zeichnungen von Netzhammer legen lässt, wird die andere eine durch das Gleichgewicht bestimmte Maschenstruktur aus hängenden Fäden in den Raum bauen. In einem sich wiederholenden Prozess von aufgebauten, zerfallenden und erneut erstellten Gebilden werden von der Maschine berechnete Formen an die Seite von auf menschliche Inspiration basierende Schöpfungen gestellt – und somit auch das fragile Verhältnis zwischen Mensch und Maschine thematisiert.

Kuratorin: Alexandra Barcal, Graphische Sammlung ETH Zürich

Wem ist sie nicht aufgefallen, die grosse Dominique, die die Besucher der Graphischen Sammlung ETH Zürich mit ihrem sanften Lächeln zu begrüssen pflegt. Das verblüffende Porträt, das mit seinem inneren Strahlen und einer ungeheuren Präsenz besticht und den Betrachter zwischen Faszination und Irritation schweben lässt, hängt im Korridor zum Ausstellungssaal. Als Franz Gertsch (*1930) 1988 die Realisierung des Holzschnittes in Angriff nahm, konnte er sich lange nicht entscheiden, ob er sich an dessen Stelle nicht an ein Landschaftsmotiv wagen sollte.
Neben den Porträts, die mittlerweile zu den Ikonen der Schweizer Kunst zählen, ist der grosse Schweizer Künstler heute auch für seine berückenden Landschaften bekannt. Was weniger im allgemeinen Bewusstsein verankert ist, sind seine frühen Arbeiten. Und genau auf diese Phase seines umfassenden Schaffens fokussiert die geplante Präsentation, die Franz Gertsch zu Ehren seines neunzigsten Geburtstags ausgerichtet wird. Parallel zur Ausstellung im Museum Franz Gertsch Burgdorf («Zeitgeistbilder. Franz Gertschs Werke der 1970er Jahre», 21. März bis 16. August 2020) bietet die Auswahl einen Einblick in Gertschs frühes Werk, als er neben filigranen Holzschnitten auch romantisch anmutende Zeichnungen schuf. Gemeinsam mit dem Künstler wurden dafür einzelne Themengruppen aus dessen Sammlung sowie aus dem eigenen Bestand ausgewählt. Daneben sollen Farbproben, die im Verlauf des komplexen Drucks seiner unvergleichlichen monochromen Welten entstehen und die der Künstler liebevoll «études (de) couleurs» nennt, die Übersicht abrunden. Zur Ausstellung ist ein Katalog geplant.

Kuratoren-Team: Dr. Linda Schädler und Alexandra Barcal, Graphische Sammlung ETH Zürich

Die Graphische Sammlung fördert die Zusammenarbeit mit Universitäten und Studierenden aktiv, wie das Beispiel der Kooperation mit dem Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich zeigt: Prof. Dr. Bärbel Küster und Dr. Linda Schädler bieten im Frühlingssemester 2020 ein Seminar an, das in die Ausstellung «Archiv Aktiviert! Henri Matisse in Schweizer Ausstellungen bis 1960» mündet. Die Ausstellung findet während eines Monats in den Vitrinen im Flur vor der Graphischen Sammlung statt (daher der Titel «Sommervitrine»). Die Studierenden lernen in dieser auf die Praxis ausgerichteten Übung eine Ausstellung zu konzipieren und umzusetzen.
Das Seminar und die daraus entstehende Präsentation werden die Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit zu einem der bedeutendsten Künstler der klassischen Moderne in der Schweiz untersuchen und die Geschichte der Akteure im Ausstellungsbetrieb klären. Durch internationale Vergleiche und eine Analyse der Rhetorik von Publikationen, Rezensionen in der Presse und von Archivmaterial entsteht so ein eigenes Bild der Kanonisierung des Künstlers in der Schweiz. Die Sammel- und Galerietätigkeiten in der Schweiz wird die Provenienzen der einzelnen Werke erläutern und dabei nicht nur ein umfassendes Panorama Schweizer Sammler berücksichtigen, sondern auch aufzeigen, wie heutige Sammlungsschwerpunkte mit der älteren Ausstellungsgeschichte korrelieren.

Eine Kooperation der Graphischen Sammlung ETH Zürich, Dr. Linda Schädler, mit Prof. Dr. Bärbel Küster, Kunsthistorisches Institut der Universität Zürich

Die Kupferstiche von Agostino Carracci (1557–1602) und Hendrick Goltzius (1558–1617) zeigen, dass das unmöglich Scheinende vollbracht werden kann. Kein Text lässt sich über diese beiden Akrobaten der Linie finden, der ohne die Worte virtuos und meisterhaft auskäme. Und auch die Ausstellung der Graphischen Sammlung ETH Zürich betont mit «Crossing Parallels – sich kreuzende Parallelen» die verblüffenden Effekte im Werk der beiden Künstler.
Der Ausstellungstitel spielt freilich auch auf die Lebenslinien von Carracci und Goltzius an, weisen ihre Biographien doch bemerkenswerte Parallelen auf: So, wie Goltzius der gefragteste und tonangebende Kupferstecher seiner Zeit im Norden war, so war es der gleichaltrige Carracci im Süden. Beide waren kunsttheoretisch interessiert und gründeten in ihrer Heimat eine Akademie. Trotz ihrer herausragenden Erfolge im Medium der Druckgraphik, wandten sich beide im Alter von dieser Technik ab und vermehrt der Malerei zu.
Unabhängig voneinander entdeckten Carracci und Goltzius das illusionistische Potential an- und abschwel¬lender Linien, die ihr gemeinsames Vorbild – der Künstler Cornelis Cort (1533–1578) – erstmalig im Kupfer¬stich verwendet hatte. Sie entwickelten seine technische Innovation derart weiter, dass sie jeweils zu ihrem Markenzeichen als Kupferstecher wurde.

Die in der Zürcher Ausstellung erstmalig gewagte Gegenüberstellung der beiden Meister soll jedoch nicht nur das Auge für deren technisches Knowhow schärfen. Carracci und Goltzius haben auch stilistisch und mit der Wahl ihrer Bildinhalte das Medium des Kupferstichs revolutioniert und nachhaltig geprägt. In der Ausstellung wird dieser Aspekt konkret anhand von ausgewählten Themenkreisen gezeigt, darunter ihre Porträtkunst, ihre Auseinandersetzung mit Skulpturen der Antike und der Renaissance, ihre erotischen Bilder sowie jene Kupferstiche, in denen sie sich explizit mit dem Werk oder dem Stil eines anderen Künstlers auseinandersetzen.

Kuratoren der Ausstellung: Dr. Susanne Pollack, Graphische Sammlung ETH Zürich und Dr. Samuel Vitali, Kunsthistorisches Institut Florenz, Max-Planck-Institut.