Wer wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, schneidet sie am besten auf. Kathedralen, Schädeldecken, Brunnenanlagen, Höllenkreise, Fruchtknoten, Vulkane, Raupen oder ganze Bergketten — dem neugierig forschenden Schnitt kann sich schier nichts und niemand entziehen. Ob quer, ob längs, einfach immer mittendurch! Präsentiert wird die geöffnete Welt dann in Bildern, in Modellen oder direkt am Objekt der Wissbegierde selbst.

Die Ausstellung zeigt, wie der Schnitt als Darstellungsprinzip des Einblicks funktioniert. Er wird als eine so vielseitige wie effektive Methode der visuellen Vermittlung vorgestellt, sei es in der Medizin, in der Architektur, Biologie oder Geologie. In exemplarischer Weise erzählen die Werke darüber hinaus viel über das symbiotische Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler greifen zur Verbildlichung ihrer Erkenntnisse auf etablierte Methoden, Techniken und Inszenierungsstrategien der Kunst zurück, während sich Kunstschaffende die spezifische Bildsprache der Wissenschaften in einer Weise aneignen, die nicht selten einer Enteignung gleichkommt.
Unsichtbare Innenwelten mit einem glatten Durchschnitt offenzulegen, verbindet aber nicht nur Kunst und Wissenschaften, sondern auch ganz unterschiedliche Epochen. Die Ausstellung zeigt Querschnitte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Nicht alle davon stammen aus der Graphischen Sammlung ETH Zürich: Schillernde Gäste aus verschiedenen Sammlungen und Archiven der ETH treten mit ihnen in einen Dialog.

Kuratorin: Dr. Susanne Pollack

Lara Almarcegui (*1972) erkundet in ihrem Werk den urbanen Raum, sie erforscht die Beziehung zwischen Konstruktion, Verfall und Regeneration unserer gebauten Welt und beschäftigt sich mit den Besitzverhältnissen von Bodenschätzen. Berühmt geworden ist sie 2013 mit ihrem Werk für den spanischen Pavillon an der Biennale von Venedig. Dort trug sie im Innern das für die Erstellung des Pavillons verwendete Material in Form von Bauschutt zusammen. Man erblickte zugleich die gebaute Architektur wie seine Rohstoffe. Die Materialität und Konstruktion wurde mit einer unmittelbaren physischen Direktheit erfahrbar. Almarcegui sagt zu ihrer Herangehensweise: «Ich suche nach einem Weg über Architektur zu sprechen, ohne Bilder zu benutzen.» Dies gelingt ihr, indem sie – einer Wissenschaftlerin ähnlich – akribisch recherchiert und ein dichtes Netz von Informationen zusammenträgt.

Seit Mitte der 1990er-Jahre sammelt die in Rotterdam lebende Künstlerin historische, geografische, ökologische und soziologische Fakten zu Bauten und peripheren Gebieten, zu Materialien und Rohstoffen. Oft bewegt sich Almarcegui dabei an Zonen des Übergangs. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf verlassene, meist leere und oft vergessene Räume in der Stadt oder in Stadtnähe. Es sind brachliegende Gebiete mit oder ohne moderne Ruinen, die verwildern und in denen sich zugleich neue Schritte der Stadtentwicklung abzuzeichnen beginnen. Sie befragt Expertinnen und Experten zu solchen «Terrains Vagues» und hält alle diese Informationen in «Guides», kleinen Kunstführern fest, in denen sie eine nüchterne alternative Lesart von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Gebietes vereint.

In der Graphischen Sammlung werden solche «Guides» ebenso zu sehen sein, wie andere ausgewählte Projekte der renommierten Künstlerin. Erstmals wird ein besonderes Augenmerk auf die Rolle der Zeichnung gelegt. Abstrahierte Zeichnungen, die beispielsweise in Zusammenhang mit ihrem Kauf von Schürfrechten für Eisen entstanden, hängen neben fast schon expressiven, die Projekte mit aufgehäuftem Baumaterial thematisieren. Almarcegui greift in ihrem Werk stets Themen von grösster Relevanz auf: Sie macht deutlich, dass die Welt des Gebauten und Gefertigten nie losgelöst von politischen, sozialen und ökologischen Veränderungen gesehen werden kann. Denn: Neutralität ist eine Illusion.

Kuratorin: Dr. Linda Schädler, Leiterin Graphische Sammlung ETH Zürich

Lara Almarcegui, Ohne Titel, Blatt aus [Puls 5; Fussgänger– und Velounterführung Bernerstrasse; Escher Wyss], 2012, Inkjet–Druck nach Photographie, mit Bleistift und Filzstift überarbeitet, Folge von sechs Blättern, 2018.0078.1–6, Graphische Sammlung ETH Zürich

Lara Almarcegui, Ohne Titel, Blatt 2 aus “Non realized proposal: Rubble of Storke Plaza, South California University, Santa Barbara”, 2012, Inkjet–Druck nach Photographie, mit Bleistift überarbeitet, Folge von zwei Blättern, 2018.0079.1–2, Graphische Sammlung ETH Zürich