Jede Zeit wählt ihre Stars. Und jede nachfolgende Epoche entscheidet, ob sie deren Licht verlöschen oder gar noch heller erstrahlen lässt. Zu gerne wüssten wir, welche Berühmtheiten unserer Tage auch unsere Urenkel noch begeistern werden. Es ist das Privileg der Kunst längst vergangener Jahrhunderte, diese Antwort schon zu kennen.

Agostino Carracci und Hendrick Goltzius gehören zu denen, die es geschafft haben. Sie waren die tonangebenden Kupferstecher des späten 16. Jahrhunderts, der eine in Italien, der andere in den Niederlanden, und auch heute werden ihre Werke in Ausstellungen gezeigt, auf dem Kunstmarkt gehandelt, in Seminaren besprochen und von Künstlerinnen und Künstlern als Inspirationsquelle verwendet.

Erstaunlicherweise sind die beiden Künstler bisher noch nie im Vergleich ausgestellt worden. Denn neben dem Erfolg, den sie als Kupferstecher hatten, laden noch weitere Parallelen zu einer Gegenüberstellung ein: Beide waren literarisch und kunsttheoretisch interessiert und gründeten in ihrer Heimat eine Akademie. Unabhängig voneinander entdeckten Carracci und Goltzius das illusionistische Potential an- und abschwellender Linien. Durch die Weiterentwicklung dieser technischen Innovation legten sie die Grundlage für den Kupferstich des Barockzeitalters. Trotz ihrer herausragenden Erfolge im Medium der Druckgraphik wandten sich beide als reife Künstler von dieser Technik ab und vermehrt der Malerei zu.

Die Ausstellung zeichnet aber nicht nur ihre parallelen Lebenslinien nach, sondern fragt auch nach Berührungspunkten. Um aufzuzeigen, wie sich die beiden Künstler gegenseitig wahrnahmen und beeinflussten, wird das gesamte thematische Spektrum ihrer Werke präsentiert, das von Bildern der Andacht über Porträts bis hin zu explizit erotischen Darstellungen reicht. Den unterschiedlichen Funktionen der Bilder entsprechen unterschiedliche Formate. Zu sehen sind daher Werke so klein wie Briefmarken und andere, die die Grösse einer Tischplatte haben.

Kuratoren der Ausstellung: Dr. Susanne Pollack, Graphische Sammlung ETH Zürich und Dr. Samuel Vitali, Kunsthistorisches Institut Florenz, Max-Planck-Institut.

Wissen ist Macht. Doch scheinen in Zeiten von Fake News polarisierende Meinungen über der Faktenlage zu stehen. Gesicherte Befunde, über die jahrelanger Konsens herrschte, werden hinterfragt, die Sicherheit einer absoluten Gewissheit bröckelt.

Wissen darf nicht als stabile Einheit verstanden werden, sondern muss als dynamischer Prozess gelten. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind an zeitliche Bedingungen ebenso gebunden wie an lokale Gegebenheiten. Letztere sind als stabilisierende Faktoren fundamental, um Informationen den Status von allgemeingültigem Wissen zu verleihen.

Die Ausstellung «Räume des Wissens» an der Graphischen Sammlung ETH Zürich greift diesen Umstand auf. Beleuchtet werden unterschiedliche räumliche Kontexte, in denen Wissen generiert, bewahrt und vermittelt wird. Von der Enzyklopädie über den Archivschrank bis hin zu institutionellen Räumlichkeiten werden Wissensgehäuse in den Blick genommen und auf ihre aktive Rolle in der Konstitution von «gesichertem Wissen» befragt.

Anhand ausgewählter Werke aus den Beständen der Graphischen Sammlung werden unterschiedliche Zugänge zu Wissenskonzepten und den sie untermauernden Architekturen vorgeschlagen. Während sich die Fotografin Candida Höfer mit einem nüchternen, distanzierten Blick zoologischen Gärten, Hochschulen und Bibliotheken annähert, bedient sich Matt Mullican auf ironisierende Weise der Gattung der Enzyklopädie, um sich sein eigenes Ordnungssystem zu erschaffen. Dagegen setzt der belgische Künstler Luc Tuymans in seinen Bildern des weltweit grössten genealogischen Archivs, das sich im Besitz der mormonischen Kirche befindet und tief unter der Erde gelagert wird, auf Verschleierungs- und Verfremdungstaktiken, um Fragen nach der Inszenierung und Zugänglichkeit von Wissensbeständen aufzuwerfen. Schliesslich wird in Fiona Tans Reflexionen zu Paul Otlets Mundaneum – einem um 1900 entwickelten Ort, an dem das gesamte Wissen dieser Welt zwecks Friedenssicherung gespeichert werden sollte – ein utopisches Vorhaben in eine dystopische Szenerie überführt.

Thematisiert werden die komplexen Verstrickungen zwischen einem von Neugierde und Wissensdurst angetriebenen Geist und im Verborgenen wirkenden Allmachtsphantasien. Als roter Faden scheint ein enzyklopädischer Anspruch auf, mit welchem sämtliche Gegenstände des Wissens erfasst und möglichst überschaubar als Einheit dargestellt werden sollen. Durch ihren Modellcharakter nähren Ordnungsstrukturen die Illusion des bewahrten Überblicks, mit dem die real existierende Komplexität gebändigt und beherrschbar gemacht werden soll. Doch in diese proklamierten Wissensräume greifen stets Bereiche des Ungewissen ein. Die Ausstellung möchte sich diesen Bereichen annähern – wissend, dass es Dinge gibt, die sich in ihrer Gesamtheit niemals ergreifen lassen.

Kuratorin der Ausstellung: Laura Vuille

Eine Kooperation zwischen der Graphischen Sammlung ETH Zürich mit der Professur Geschichte und Theorie der Architektur an der ETH Zürich, Prof. Dr. Maarten Delbeke

Das Gesims wird in der Architektur leicht übersehen. Es ist zwar als mehr oder weniger ausgearbeitetes Verbindungselement von Dach und Wand oder Wand und Decke omnipräsent, trotzdem erhält es von Architekten/innen, Kritiker/innen oder Theoretiker/innen viel weniger Aufmerksamkeit als zum Beispiel Säulen oder Säulenordnungen. Dennoch: Eine genauere Untersuchung bringt zu Tage, dass das Gesims sehr wohl wichtig ist. So hat es anfangs des 20. Jahrhunderts den Unmut der Modernisten ebenso auf sich zu ziehen vermocht, wie es als expressivster Teil der Architektur identifiziert worden ist. Für sich genommen wurde ihm zudem in Zeichnungen, Radierungen und Kunstwerken grosse Aufmerksamkeit zuteil. Aus diesem Grund nimmt die Geschichte des Gesimses eine Schlüsselrolle in der Geschichte der Architektur ein. Legt man den Fokus auf dieses Element, wird eine bisher eher verdeckte Perspektive auf die Architektur ermöglicht und es kommen andere, sonst vernachlässigte Geschichten zum Vorschein.

Aufgrund seiner Allgegenwart enthält ein Gesims stets verschiedene Bedeutungsebenen: Als Element, das durch die Baureglemente definiert wird und diese wiederum definiert; als Lösung technischer Probleme, wenn es um die Verbindung von Wand zu Dach geht; und als Ort, an dem soziale Ansprüche oder Unterscheidungen zum Ausdruck kommen. Als visuelle Grenze einer Konstruktion geht es beim Gesimse sowohl um das Gebäude wie auch um die Stadt oder eine ganze Landschaft. Schliesslich ist es als appliziertes Ornament mit Fragen des Geschmacks und der Ästhetik genauso verbunden wie mit Kunsthandwerk und Industrieproduktion.

Es erstaunt nicht, dass Gesimse oft in Gemälden, Zeichnungen und in der Druckgraphik auftauchen, sobald Gebäude oder Ruinen abgebildet werden. Daher wird in der Ausstellung die Repräsentation des dreidimensionalen Objekts in zweidimensionaler Kunst auf Papier zum Thema gemacht. Wie wird ein Gesims zu einem Teil einer Bildkomposition und in wie weit spielen visuelle Konventionen im Laufe von Jahrhunderten eine Rolle? Wann wird das Gesims symbolisch aufgeladen?

Die Ausstellung wird eine einmalige Auswahl an Zeichnungen, Druckgraphik und Objekten zusammenbringen und auf diese Weise die Geschichte des Gesimses ebenso erzählen wie ihre verschiedenen Bezüge zur Architektur, zum Urbanismus und zur Kunst herausarbeiten.