Eingravierte Echos – Spuren einer besonderen Künstlerpersönlichkeit

Als 2018 die Winterthurer Künstlerin Jeannette Baumgartner im Alter von 60 Jahren stirbt, hinterlässt sie neben der tieftrauernden Familie auch ein schmales, jedoch dichtes graphisches Werk. Im Laufe ihrer relativ kurzen künstlerischen Tätigkeit hat sie ausdruckstarke Werke voll emotionaler Widerstände geschaffen. Ihre Schwester Irène Alice Baumgartner beschliesst diesem bemerkenswerten Oeuvre die, wenn auch posthume, so doch wohlverdiente Würdigung angedeihen zu lassen: dank ihrem Engagement nimmt 2020 die Graphische Sammlung ETH Zürich ein Konvolut an Radierungen und Zeichnungen in den eigenen Bestand auf.

Eine zierliche junge Frau sitzt da an einem Tisch vor dem weitgeöffneten Fenster, vor ihr liegen Malutensilien in der sengenden Sonne. Sie blickt ruhig, erwartungsvoll, ein verhaltenes Lächeln auf den Lippen in die Kamera. Auf den Ohren trägt sie Kopfhörer. Nicht nur wie hier in Sevilla, wo sie 1986 ein Atelierstipendium erhalten hat. Dieser Aufenthalt scheint das in ihr aufkeimende Gefühl für ihre wahre Bestimmung gestärkt zu haben: noch im selben Jahr tritt sie in die École supérieure d’art visuelle in Genf ein, die sie fünf Jahre später abschliesst. Die 1980er und 1990er Jahre ist denn auch die prägende und gleichzeitig künstlerisch produktive Phase in ihrem Leben, in welcher vor allem Papierarbeiten entstehen. Sie zeichnet und malt, geht aber auch drucken. Danach verliert sich die geysirhaft hervorsprudelnde schöpferische Ader. 2000 gibt die Künstlerin ihr künstlerisches Schaffen wieder auf.

Jeannette Baumgartner 1986 in Sevilla © Nachlass Jeannette Baumgartner

Zwischen freien Tönen und lautlosen Schreien
Jeannette Baumgartner soll viel und gerne zu Musik gearbeitet haben. Tatsächlich muten viele ihrer Arbeiten wie Jazz-Improvisationen an. Äusserst sensibel vermag sie Stimmungen und Schwingungen aufzunehmen. Diese spontan und unmittelbar in vibrierende abstrakte Gefüge zu übersetzen. Oft schlagen sich die auf sie einwirkenden, sie aber auch besetzenden Kräfte in figurativen Kompositionen nieder. Auf radikale und äusserst reduzierte Weise weiss sie dann einzelne Striche und wenige Farben zu setzen. Wesen, die zwischen Tier und Mensch oszillieren, begegnen sich. Bekriegen sich. Wie Dämonen aus anderen Welten jagen sie über die Weiten des Papiers, prallen auf den grossen Bogen mit den Köpfen aneinander. Überhaupt ist der Kopf ein zentrales Motiv im Werk der Künstlerin: mal wird er gegen die Wand geschlagen, mal wird er wie vor einhämmernden Schlägen schützend von Händen gehalten, mal scheint er gar zu explodieren. Wofür stehen diese aufwühlenden Bilder: für körperlichen Schmerz, für seelische Schreie, ja für eine tiefempfundene existentielle Verzweiflung?

Jeannette Baumgartner, Ohne Titel, 1985, Kreide und Gouache, ca. 50 x 70 cm (Blattgrösse), Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv.-Nr. 2020.338) © Nachlass Jeannette Baumgartner

Hineinsehen, hineinhorchen
Vielleicht manifestieren sich hier jedoch auch einfach «traurige, nachdenkliche, verträumte und in Augenblicken in sich selber einbrechende Blicke… «, wie dies der Schweizer Künstler Peter Herbener (1933-2001) auszudrücken pflegte. Analog zu seinem graphischen Schaffen ist ihr monolithisches Werk wohl am ehesten zu der Bewegung der «Neuen Wilden» zu zählen, deren Vertreter in den 1980er Jahren mit einer körperbetonten und subjektiv richtiggehend aufgeladenen Bildsprache auftrumpften. Auch Jeannette Baumgartners Werke bestechen mit einer ungewöhnlichen Heftigkeit, Kompromisslosigkeit und Grundsätzlichkeit. So wie die Künstlerin das Papier mit ihren Stiften wundscheuert, so traktiert sie auch die Kupferplatte mit der Radiernadel. Nicht ohne Grund wählt sie gerade die Kaltnadel als die für ihre archaisch anmutenden Bildgleichnisse adäquate Drucktechnik aus. In Winterthur widmet sie sich diesem Handwerk in der Kupferdruckerei von Rolf Meier. In dieser Stadt findet ihr verletzliches und manchmal wütendes Ich überhaupt eine Zuflucht, hier kann sie über Jahre ein Atelier betreiben. Was ohne Zweifel bleiben wird, sind diese rigorosen Striche, worin nach wie vor die verhallenden Echos eines einst wild trommelnden Herzens zu vernehmen sind.

Jeannette Baumgartner, Ohne Titel, 1994, Kaltnadel, ca. 30 x 40 cm (Blattgrösse), Graphische Sammlung ETH Zürich (Inv.-Nr. 2020.327) © Nachlass Jeannette Baumgartner

https://www.e-gs.ethz.ch/eMP/eMuseumPlus


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