Glückliche Umstände

Wie wunderbar ist es, wenn Talent, Wille und Förderung aufeinandertreffen! Dies zeigt das Leben von Elisabetta Sirani (1638-1665), deren Karriere durch ihren frühen Tod mit 27 Jahren ein abruptes Ende nahm. In ihrem kurzen Leben war es ihr nicht nur gelungen, zu einer weit über die Grenzen ihrer Geburtsstadt Bologna hinaus geschätzten Malerin zu werden, gleichzeitig war sie Leiterin einer florierenden Werkstatt, Mitglied in der renommierten Accademia di San Luca in Rom und Gründerin einer Kunstakademie für Frauen.

Grundlegende Erfahrungen, die für die Malerausbildung als unverzichtbar galten, blieben ihr als Frau verwehrt – etwa die Reise in andere Städte zum Studium der dortigen Meisterwerke oder das Zeichnen nach Aktmodellen. Dank der Unterstützung ihres Vaters, Andrea Sirani, konnte sie diese Nachteile jedoch ausgleichen.

Elisabetta Sirani, Heilige Familie mit Elisabeth und Johannes dem Täufer, 1650er Jahre, Radierung, Graphische Sammlung ETH Zürich.

Die besondere Bedeutung von Druckgraphik für Elisabetta Sirani
Wie viele erfolgreiche Künstlerinnen hatte auch Elisabetta Sirani das karriererelevante Glück, in einer Künstlerfamilie geboren worden zu sein. Ihr Vater war Schüler des berühmten Guido Reni und neben seiner Tätigkeit als Maler und Lehrer handelte er im grossen Stil mit Kunst. Die vielen Gipsabgüsse, Zeichnungen und vor allem Druckgraphiken, die sich deshalb im Hause Sirani befanden, fungierten für die junge Künstlerin als Fenster zur Welt. Mit grösster Akribie studierte und kopierte sie die Werke der als vorbildlich geltenden Meister und extrahierte aus ihnen jenes Wissen, das ihr bei der Anfertigung ihrer eigenen Bilder unentbehrlich sein sollte: Als eine der ersten Künstlerinnen malte Elisabetta Sirani zum Beispiel auch männliche Akte in einer Art und Weise, die von profunden Kenntnissen der menschlichen Anatomie zeugen.

Elisabetta Sirani, Ruhe auf der Flucht nach Ägypten, 1650er Jahre, Radierung, Graphische Sammlung ETH Zürich

Elisabetta Siranis eigenes druckgraphisches Werk
Legendär war die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit der Sirani ihre Gemälde anfertigte und die sie sich nicht scheute, vor Publikum zu demonstrieren. Diese Eigenschaften – seit jeher Beleg besonderer Begabung – charakterisieren auch die insgesamt 14 Radierungen, die von Sirani überliefert sind und von denen die Graphische Sammlung ETH Zürich neun besitzt. Darunter auch das besonders eindrückliche Blatt «Heilige Familie mit Elisabeth und Johannes dem Täufer», das auf ihrer eigenen Bilderfindung beruht. Es zeigt eine zufällig wirkende Momentaufnahme der berühmten Familie: Während Maria das Christuskind stillt und dem Johannesknaben ein Spielzeug reicht, wickelt Elisabeth eine Stoffrolle auf und ist Joseph mit der Axt zu Gange.


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